Nicolas Kayser-Bril (24) ist Onlinejournalist und seit Februar 2010 “Head of Data” beim französischen Journalismus-Startup OWNI. Das Nonprofit-Projekt verbindet investigativen, kollaborativen und datenbankbasierten Journalismus auf innovative Art. Wie funktioniert das Projekt? Was kann Datenjournalismus? Was haben die Journalisten und Community-Manager bei OWNI für Ziele? Plant OWNI ein Netzwerk auf europäischer Ebene? Dazu habe ich Nicolas Kayser-Bril per Skype interviewt.
Was bedeutet “OWNI”?
Das ist auf französisch ein Wortspiel. “OVNI” mit einem “V” heißt UFO. “OWNI” mit einem “W” ist ein Unidentifiziertes Web Objekt.
Was ist OWNI und was wollt Ihr erreichen?
OWNI ist ein offener Think Tank, der zu den besten Beiträgen im Netz zu den Themen digitaler Kult, digitale Macht und digitales Lebensgefühl verlinkt. Wir wollen OWNI auch als Labor für innovativen Journalismus benutzen, wir machen Linkjournalismus angereichert mit Datenjournalismus. Wir wollen die Beiträge, zu denen wir verlinken, mit Mehrwert anreichern.
Was sind die Vorteile von Linkjournalismus und Datenjournalismus gegenüber traditioneller journalistischer Berichterstattung?
Es ist ein ganz anderes Konzept. Linkjournalismus lässt sich wahrscheinlich am leichtesten erklären. Jeff Jarvis sagt immer: “Verlinke zum Besten und kümmere Dich um den Rest.” Genau das tun wir.
Das klingt aber radikaler als bei Jarvis. Er sagt nämlich: “Tue, was Du am besten kannst, und verlinke zum Rest.”
Ja, wir machen es anders herum. Wenn wir zum Beispiel über die Wahlen in Großbritannien sprechen, denn gehen wir zuerst durch unser Bloggernetzwerk, suchen einige Beiträge aus, die wir nicht haben und übersetzen einiges aus der englischsprachigen Blogosphäre. Neulich brauchten wir einen Beitrag, um unsere Themendossier zu vervollständigen, also haben einen in Auftrag gegeben. Machmal wollen wir das mit Datenjournalismus vertiefen. Das ist ein weiterer Schwerpunkt. Wir wollen dem Nutzer alle Daten geben, zu denen wir Zugang haben und sie in einer Weise präsentieren, dass der Nutzer so tief einsteigen kann wie er will. Wenn wir z.B. über lokalisierte Daten reden, können die Nutzer ganz nahe kommen. Wir haben im April einen Bericht über Sekundarschulen gebracht. Der Nutzer konnte die Geschichte anhand seiner eigenen Oberschule nachvollziehen und nicht bloß anhand von Durchschnittsdaten für ganz Frankreich oder seiner Region.
Was war der Anlass für diese Geschichte?
Es gab in Frankreich eine große staatlich organisierte Konferenz über Gewalt in Schulen. Wir wollten dokumentieren, wieviele Videokameras es in französischen Schulen gibt und wie effektiv sie sind. Also haben wir eine interaktive Karte ins Netz gestellt und unsere Nutzer die Daten eintragen lassen.
Viele Journalisten glauben, dass Datenaufbereitung kein Journalismus ist. Sie sagen, Daten sind Rohmaterial, aus denen erst ein Journalist eine Geschichte macht. Deshalb nochmal meine Frage: Was kann Datenjournalismus, was traditioneller Journalismus nicht kann?
Ich verstehe ich die Skepsis. Datenjournalismus ist aber nicht bloß Datenbereitstellung. Er kann Daten auch in Kontext stellen und analysieren. Nehmen wir das Beispiel Agrarpolitik. Wir haben dazu alle Daten über alle Subventionen, die jede noch so kleine Region in Europa erhält. Diese Zahl haben wir zum Bruttoinlandsprodukt der jeweiligen Region in Relation gesetzt. Wir haben also ein Ranking der Einnahmeanteile einer Region aus Subventionen erstellt. Damit konnten wir präzise sehen, welche europäische Kommune sich mit ihren Einnahmen fast ausschließlich auf Subventionen stützen. Das ist Journalismus. Wir haben eine journalistische Fragestellung, und wir vertiefen die vorliegenden Daten, auch wenn sie in binärer Form in einer Datenbank liegen. Ich würde Datenjournalismus eher definieren als Journalismus von Journalisten, die programmieren können. Damit kann man eine Menge machen.
Wie stellt Ihr sicher, dass die Dateneingaben der Nutzer korrekt und qualifiziert sind?
Im Fall der Agrarsubventionen stammen die Daten von der EU-Kommission. Das ist nicht perfekt, aber auch nicht schlecht. In anderen Fällen haben wir Prozeduren, um die Glaubwürdigkeit von Nutzereingaben zu überprüfen. Wir können IP-Adressen, Einlogzeiten und statistische Wahrscheinlichkeiten überprüfen. Wir haben die Email-Adressen der Nutzer und können sie für Nachfragen kontaktieren. Vor drei Monaten hatten wir ein Projekt zur örtlichen Positierung von Umfragen vor Wahlen. Wir hatten 9000 Dateneingaben und sie waren von guter Qualität. Das ist also kein zentrales Problem.
Wie groß ist Euer Team?
Im Moment haben wir zwei Vollzeit-Communitymanager. Das sind diejenigen, die die Einträge lesen und entscheiden, ob wir daraus eine Geschichte machen und die Blogger kontaktieren, ob wir sie republizieren oder Beiträge anreichern, z.B. mit Bildern. Sie checken auch Grammatik und Rechtschreibung. Diese Aufgaben mache ich auch und zusätzlich kümmere ich mich um Datenprojekte. In diesem Sommer werden wir 4 oder 5 Praktikanten haben, die wir dann eventuell im September als Redakteure anstellen. Dann gibt es noch das Team, das den kommerziellen Zweig unserer Holding betreibt, mit Designern und Marketingstrategen.
Wie groß ist die Reichweite von OWNI?
Wir haben ungefähr 100.000 Unique User im Monat. Aber wir betrachten uns mehr als Think Tank denn als Portal. Wir werden niemals Werbung auf unserer Seite haben, deshalb ist die Reichweite egal. Aber wenn wir ein Datenprojekt angehen, stellen wir immer sicher, dass man es einbetten kann. Unser Schulprojekt wurde als Applikation auf der Webseite von „Le Monde“ veröffentlicht. Das ist Frankreichs größte Nachrichtenwebsite, also war die Gesamtreichweite viel größer als die auf unserer Seite.
Greift Ihr nur politische Themen auf?
Nein, nicht nur. Die Grundlinie ist digitales Leben und digitale Mächte. Aber immer wenn wir eine Idee gut finden, setzen wir sie um. Wir sind durchfinanziert, wir haben alle Freiheiten. Wir wollen untersuchen, wie man Informationen auf neue Arten aufbereiten kann. Ob wir uns die Wahlen in Großbritannien vornehmen oder den G20 Gipfel im Juni – die Themenvielfalt ist sehr groß. Wir haben ja auch erst vor 3 Monaten mit Daten- und Linkjournalismus angefangen. Wir wollen experimentieren. Vielleicht wissen wir in einem halben Jahr genauer, was wir am besten können und dann werden wir uns darauf konzentrieren.
Ein Think Tank bringt ja auch Experten verschiedener Fachgebiete zusammen. Gibt es Spezialisten, mit denen Ihr kooperiert?
Ja, die haben wir. Dazu muss man die Geschichte der Webseite kennen. Sie wurde vor zwei Jahren gestartet, um gegen das Hadopi Gesetz vorzugehen, so heißt das “Three Strikes” Gesetz in Frankreich, das Urheberrechtsverstöße über den Entzug des Internetzugangs ahnden soll. Dieser Anlass brachte Kritiker aus der Zivilgesellschaft zusammen, Professoren und Business Manager. Die meisten dieser Kritiker gehören inzwischen zum engeren Kreis der Autoren. Wenn sie wollen, dass ein Thema bei OWNI veröffentlicht wird, kontaktieren sie uns. Umgekehrt tun wir das auch, wenn wir etwas von ihnen wollen. Wir haben etwa 500 regelmäßige Autoren.
Anmerkung: Dazu zählen u.a. Agnès Mailliard (Gewinnerin 2010 “Best Blog Francophone” der Deutsche Welle “Best of Blogs Awards”), Andreas Kluth vom “Economist”, Benedikt Thieulin (ehemaliger Berater von Ségolène Royal), Silvere Mercier (Webstratege des Centre Pompidou), Datenjournalistin Caroline Goulard, Jean Veronis (Linguistik-Professor und semantischer Berater für Google), Pierre Haski (Gründer von rue89.fr) Link zur Liste auf französisch mit circa 80 Namen (pdf).
Hat OWNI Vorbilder? Vielleicht das Projekt Everyblock des US-Programmierer-Journalisten Adrian Holovaty oder den “Guardian”, der eine halbe Million Dokumentenseiten mit Daten zum Spesenskandal der britischen Unterhaus-Abgeordneten in Tabellenform aufbereitete , die Daten über Google Documents zur Verfügung stellte und seine Nutzer fragte: Can you help us?
Nicht wirklich. Anfangs war OWNI nur eine Plattform, um alle Inhalte einer Webausgabe zu zentralisieren, aber jetzt wollen wir ein Vollzeit-Labor für innovativen Journalismus sein. Wir schauen uns aber andere neue Journalismusmodell daraufhin an, was in unserem Ökosystem funktionieren könnte. Auf die Liste der inspirierenden Modelle gehört auf jeden Fall auch die spendenfinanzierte investigative Plattform Propublica.
Ihr habt für die französischen Regionalwahlen im März die Facebook-App “Je vote où?” (Wo soll ich wählen?) programmiert. Was war der Zweck des Projekts?
Das Projekt haben wir im Dezember 2009 begonnen. Wir dachten, es wäre cool eine Applikation zu haben, die Nutzern zeigt, in welchem Wahllokal sie am Wahltag wählen können. Wir suchten dann eine Liste mit allen Wahllokalen in Frankreich und stellten dabei fest, dass es eine solche Liste nicht gibt. Die mussten wir erstmal selbst erstellen. Außerdem haben uns die Behörden teilweise unbrauchbare Daten gegeben. Dabei ist unsere erstes Crowdsourcing-Experiment entstanden. Wir gaben unseren Nutzern eingescannte Dokumente, die sie abtippen mussten, so dass sie computerlesbar wurden. Am Wahltag hatten wir dann die Facebook App. Man gab dort seine Adresse ein und die App sagte, welches Wahlokal am nahesten war. Es hat allerdings nicht perfekt funktioniert, weil wir bis zum Wahltag nicht genug valide Daten hatten.
Wie wird OWNI finanziert?
Bis vor kurzem wurde owni auschließlich aus unserem kommerziellen Zweig 22mars querfinanziert. Wir haben ungefähr 20.000 Euro investiert. Das waren 3 Gehälter für 3 Monate.
Und das neue Modell?
Wir werden einen eingetragenen Verein gründen, der sich um die redaktionelle Arbeit kümmern soll. Er soll durch Spenden und durch Patronage durch den kommerziellen Arm finanziert werden. Außerdem werden uns um staatliche Subventionen bemühen. Unser kommerzieller Arm bedient zahlende Kunden wie bisher. Der Nonprofit Bereich mit OWNI wird davon völlig getrennt sein.
Glaubst Du, dass Qualitätsjournalismus mit gesellschaftlicher Relevanz neue Finanzwege außerhalb von Anzeigen und Vetrieb finden sollte?
Auf jeden Fall. Das ist genau das, was wir versuchen. Bisher läuft es gut. Was wir in Europa und in den USA sehen, ist dass die neuen exotischen Finanzierungsformen für neue Journalismusmodelle die erfolgreichsten sind. Unsere Gesellschaft bietet beispielsweise Social Media Services an für Klienten, wir setzen ihnen Webseiten mit Social Media Elementen auf. Die französische Website rue89.com ist ebenfalls sehr erfolgreich und mit einer Million Seitenabrufe pro Monat ebenso relevant wie viele traditionelle Webseiten. Nur 40 Prozent Einnahmen der Einnahmen von rue89.fr stammen aus der Werbung, 60 Prozent von Seminaren und Trainingskursen für andere Unternehmen. In den USA sehen wir immer mehr spendenfinanzierte Journalismusprojekte. In Frankreich ist die Patronage von Medien durch große Unternehmen eine Tradition, die es bestimmt schon seit 50 Jahren gibt, die sich aber in letzter Zeit verstärkt hat sowie ja auch in Großbritannien. In Frankreich will die Regierung außerdem in den kommenden drei Jahren 60 Millionen Euro aus einem Digitalisierungsfonds an journalistische Online-Websites auszahlen.
Wie beurteilst Du diesen Trend?
Das ist schwer zu beurteilen. Die Rolle der US-Medien während des Irak-Kriegs war auch ohne Subventionen unrühmlich. Unkritische Berichterstattung und Subventionen sind nicht zwingend gekoppelt.
Soll OWNI auch außerhalb von Frankreich relevant werden?
Ja, wir sind ein Think Tank, der auch die Vernetzung auf europäischer Ebene anstrebt. Wir Europäer schauen bei neuen Trends oft lieber über den großen Teich als zu unseren direkten Nachbarn. Das ist nicht nur ein Sprachproblem, sondern auch eine Gewohnheit. Einige Blogger in Frankreich bloggen auch auf englisch, werden aber trotzdem kaum außerhalb von Frankreich gelesen. Wir wollen versuchen, Inhalte aus Europa zu aggregieren. Wir wollen ein Netzwerk von Watchblogs aufbauen, die nationale Vorgänge beobachten und unsere Redakteure in Paris auf Themen aufmerksam machen, die auch für Europa relevant sind. Wir können diese Beiträge dann ins Französische übersetzen. Der zweite Schritt wird sein, Ableger von OWNI in anderen Sprachen zu starten oder unsere eigenen Webseite mehrsprachig aufzusetzen. Je nachdem, was die Nutzer bevorzugen.
Wann könnte das passieren?
Dass wir erst einmal auf französisch einer europäische Ausrichtung bekommen, könnte schon ab dem Sommer 2010 soweit sein. Wir übersetzen jetzt schon gelegentlich vom Deutschen und Englischen ins Französische, sowie vom Französischen ins Englische. Im Laufe des nächstes Jahres könnten dann die weiteren Sprachversionen starten. Wir hoffen dafür, mit deutschen Partnern ins Gespräch zu kommen. Daran wären wir sehr interessiert.
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